De Weinschenker

kurken

Plopp oder Flopp

(weinwelt-chef-verkoster Michael Hornickel über synthetische Verschlüsse, die alte Liebe zum Naturkorken und den Trend zur Bordeaux-Konfektion)
Trefwoorden:    30-Frankli-Chasselas    Deutschland    Kirk Bauer    Lübeck    Müller-Thurgau    Prince Charles    Prince of Wales    Württemberg

Kein geringerer als der Prince of Wales mischte sich jüngst in die Naturkork-Diskussion ein: "Warum jemand einen hässlichen Plastikstöpsel in seiner Weinflasche vorziehen sollte, geht über mein Vorstellungsvermögen hinaus." Diesen Satz, den Prince Charles bei seiner Rede zur Verleihung des Euronatur-Umweltpreises am 11. Juni 2002 in Lübeck aussprach, machte der portugiesische Korkverband gleich weltweit publik. Prominentere Fürsprecher kann man sich schließlich kaum wünschen.
Welche Weine Prinz Charles trinkt, wissen wir nicht. Auch ging es ihm wohl eher um die "weitreichenden Folgen" für das Ökosystem der Korkeichenwälder, die "solch scheinbar einfache Dinge wie die Entscheidung einiger Weinhersteller, Plastikverschlüsse anstelle des traditionellen Korkens zu verwenden.

Wie dem auch sei: Die synthetischen Weinverschlüße werden kommen. Nein: Sie sind längst da! Und wir haben wahrscheinlich alle schon einmal derart verschlossene Weine getrunken. Im Offenausschank in der Gastronomie etwa: Immer mehr Wirte sind die ewigen Diskussionen mit den Kunden und Lieferanten über echte oder vermeintliche Korkfehler leid.
Hinter der Theke glasweise eingeschenkt, sieht es der Gast meist nicht. Dafür bekommt er, sofern vom Wirt mit Verstand ausgesucht, garantiert einen reintönigen Tropfen. Ob der Gast das auch akzeptiert, wird meist erst gar nicht überprüft.
Das würde nur wieder zu Diskussionen führen, denn der Großteil der Weintrinker hängt nach wie vor unerschütterlich am Naturkorken, kennt er doch Schraubverschlüsse vor allem von Mineralwasser und Billigstweinen, akzeptiert sie also nicht für seinen weihevollen Weingenuss, bei dem das satte Plopp beim Aufziehen des Korkens die Vorfreude aufheizt.
Oder im Flugzeug: Da befremdet es uns ja auch schon lange nicht mehr, wenn es zum aufwändig synthetisch verpackten Abendessen eine Kleinflasche Chardonnay mit Drehverschluss gibt - auch noch im Plastikglas. Selbst das Champagner-Piccolo wird in der Economy-Class mit einem kurzen Dreh geköpft. Na ja, Fliegen ist halt auch nicht mehr das, was es mal war.
Über den aktuellen Stand der Diskussion "Schraubverschlüsse gegen Korkschmecker" haben wir ausführlich in der Februar-März-Ausgabe der Weinwelt informiert. Fakt ist, dass es der Korkindustrie trotz unterschiedlicher Weiterverarbeitungsformen des Naturkorkens bis heute nicht gelungen ist, den Abfüllern eine 100-prozentige Garantie geben zu können. Auch neue, manchmal als revolutionär angepriesene Behandlungsmethoden ("Mikrowellen") haben sich alle mit der Zeit als Flops erwiesen. Das hat schon oft für Unruhe in der Weinbranche gesorgt.
Viele Einkäufer aus dem Lebensmittelhandel, die den gröbsten Teil der Weinmassen auf dem deutschen Markt bewegen, würden lieber heute als morgen auf synthetische Verschlüsse umstellen. Nur die mangelnde Akzeptanz beim Verbraucher hält sie davon ab.
glas afsluiting Manche Einkäufer lehnen nur deshalb Übersee Weine ab, die mit bunten statt "naturfarbenen" Plastikstopfen verschlossen sind. In Australien sind die Verbraucher offenbar nicht so zimperlich.
Die Vision sieht so aus: Der Weinmarkt wird sich zukünftig noch klarer in verschiedene Segmente spalten. Auf der einen Seite zunächst die quasi-"industriell" erzeugten Massenweine, bei denen sich die Abfüller nach und nach an synthetische Verschlüsse herantasten werden.
Ganz langsam, um die Weintrinker, hier Einsteiger und "Vielverbraucher" (so nennt man das in den Marketingabteilungen), nicht zu überfordern.
Auf der anderen Seite die Top-Gewächse für Kenner (und solche, die es werden wollen oder einfach nur bezahlen können), die noch weit davon entfernt sind, irgendwelche Existenzen in den portugiesischen Korkeichen-Hainen zu gefährden. In eine Flasche Super-Premium-Wein lässt sich ja auch ein Super-Premium-Kork rentabel reindrücken. Für den gibt es zwar auch keine Garantie. Die Ausfallquote ist hier jedoch schon wesentlich geringer.
Zwischen Massenwein und Top-Produkt schließlich werden sich in voller Breite alle möglichen individuellen Gewächse aus aller Welt tummeln, die ebenfalls eher den informierten Weintrinker ansprechen. In diesem Segment wird es sicherlich das eine oder andere Experiment mit synthetischen Verschlüssen geben, aber der Naturkork wird hier noch lange allein schon deshalb seine Existenzberechtigung behalten, weil er nun mal traditionell eine hohe Wertigkeit signalisiert.
Dabei gibt es in diesem Segment schon heute andere Beispiele: In der Schweiz bekommt man selbst einen 30-Frankli-Chasselas mit Schraubverschluss hingestellt. Das befremdet zunächst. Spätestens nach dem ersten korkigen Chasselas werden Sie reumütig zum verschraubten Exemplar zurückkehren. Denn die zarte, äußerst fragile Aromatik der Rebsorte verzeiht nicht den kleinsten geschmacklichen Einfluss eines Korkens.

In Deutschland existiert bislang nur in Württemberg eine breite Akzeptanz des Schraubverschlusses. Die dortigen Genossenschaften, die rund 90 Prozent des Marktes beherrschen, verschliessen ihre Literware nicht mit Naturkorken. Denn diese einfachen Trinkweine, die sich bei den Schwaben sehr großer Beliebtheit erfreuen, sind nun mal für den sehr baldigen Genuss bestimmt, da bringt der Naturkorken höchstens Nachteile. Wir haben die Problematik übrigens mal bei einfachen Konsumweinen, die wir kartonweise einkauften, getestet. Das Resultat: Wir notierten rund 10 Prozent Korkschmecker.
Das ist nicht weiter erstaunlich. Kurios war vielmehr, dass die jeweils sechs mit Naturkorken verschlossenen Proben aus einem einzigen Karton oft unterschiedlich bewertet und kommentiert wurden. Bei einem Karton Müller-Thurgau zeigten sich die Geruchseindrücke der sechs Weine so extrem unterschiedlich, dass sie selbst für Ungeübte leicht nachvollziehbar waren. Nicht eine der Flaschen schmeckte wie die andere.
Wie kann das passieren, wenn es sich doch um eine identische Füllung handelt, die Flaschen aus diesem einen Karton sogar unmittelbar nacheinander die Abfüllstraße durchliefen? Ganz klar: Der Unterschied kann nur vom Verschluss, also vom Korken kommen! Das beweist, wie stark doch ein Naturkorken Geschmack und Entwicklung eines Weins beeinflussen kann. Also, zumindest bei Konsumweinen: keine Angst vor Schraubverschlüssen!
Technisch sind sie die ideale Lösung. Sie sind praktisch und sauber. Bei unserer großen Riesling-Verkostung (vgl. Ergebnisse im Marktplatz) drängte sich die Verschlussproblematik mehrfach auf. Die jungen, geradlinig-säurefrischen Weine leben von der Klarheit ihrer Frucht, die weltweit einzigartig ist.
Doch immer wieder tauchten kleine geruchliche Unebenheiten auf, keine echten, aufdringlichen Korkschmecker, sondern ein leichter Infekt, den ein normaler Weinkonsument erst gar nicht wahrnehmen wurde, der aber existiert.
Darunter waren Weine von Winzern, von denen wir wissen, dass sie absolut sauber arbeiten und auch keine Holzfässer verwenden, deren Einflüsse auf das Weinaroma schon oft zu Verwechslungen mit Korkschmeckern geführt haben. Auch bei ihnen tauchten oft kleine Störungen in der Klarheit des Geruchs auf, kaum wahrnehmbar und erst im Vergleich mit einer zweiten Flasche nachvollziehbar.
Das verleitete den Verkostungsleiter Kirk Bauer zu der gewagten Aussage: "Eigentlich müssten sämtliche Rieslinge unter Schraubverschluss kommen."
Bleibt die Frage der Aesthetik. Da hat der Naturkorken seine größte Stärke und Anhängerschar. Wie wichtig uns das allerdings zukünftig sein wird, entscheidet letztendlich der Markt, entscheiden Sie!
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