De Barbera druifEinst galt sie als recht ordinäres Gewächs, was sie zum Teil ihrer groBen Verbreitung verdankte - im Piemont war sie die meistangebaute Rebe überhaupt. Später litten auch Shiraz in Australien, Zinfandel in Kalifomien und Malbec in Argentinien unter dem gängigen Vorurteil "viel Masse, wenig Klasse". Heute dagegen stehen auch sie hoch in der Gunst der Weinkenner. Die Barbera erbrachte leichte, säuerliche Alltagstropfen, mit denen man die oft seltsamen Gerichte der einheimischen Küche hinunterspülte. Bei besonderen Anlässen diente der Wein bestenfalls als Vorprogramm für ernsthaftere Rote aus Nebbiolo- Trauben. Erst der mittlerweile verstorbene Giacomo Bologna vom Weingut Braida führte die Barbera zu Höhenflügen - zumindest bewies er, dass die Rebsorte zu mehr als nur lokalen Zechweinen taugte. Sein "Bricco dell'Uccellone" ging als erster international vermarkteter Barbera - in die Weingeschichte ein. Zwei Besonderheiten zeichneten den Bricco aus: Er war aus deutlich niedrigeren Erträgen bereitet als solist im Piemont üblich, und er reifte in französischen Eichenfässern. Heute tun es Legionen van Nachahmern Bologna gleich und bringen immer teurere Edel-Barbera in Umlauf. Die Barbera wurde im Piemont - wie auch die wesentlich weichere lokale Do1cetto Rebe - in Weinbergen kultiviert, die für die spät reifende Nebbiolo zu kühl waren. Die Dolcetto kann relativ früh gelesen werden, dann folgt die Barbera - die Nebbiolo aber muss in der Regel noch zwei weitere Wochen am Stock bleiben. Barbera ist extrem wuchskräftig, und selbst die Richtlinien der DOC (Denominazione di origine controlata - kontrollierte Herkunftsbezeichnung) lassen noch einen Höchstertrag van 70 Hektoliter pro Hektar zu. Deshalb ist für manchen Winzer die Versuchung gross, Maximalmenge van den Stöcken zu holen. Dann aber machen sich die van Haus aus reichlich vorhandene Säure und der Mangel an Tannin viel zu stark bemerkbar. Stehen die Stöcke jedoch in geeigneten Lagen und werden zudem sorgsam zurückgeschnitten, bringen sie konzentrierte Tropfen hervor. Tanninarm sind sie zwar immer noch, aber man kann die Weine ja im Eichenfass ausbauen. Bleibt die hohe Säure: Viele Weinmacher entsäuern Barbera still und heimlich, zum Beispiel durch Beigabe van harmlosem Kalziumkarbonat, und schneiden den Wein dadurch auf den Geschmack des modernen Verbrauchers zu, dem leider eingeredet wird, über kräftige Säure die Nase zu rümpfen. Barbera liefert sicherlich nicht die geschmackintensivsten Weine. Bestenfalls kann man einen vagen Brombeereinschlag mit säuerlicher Note ausmachen. Die unzähligen fassgereiften Barbera, welche die Piemonteser Weinszene aufmischten und die Preislücke zwischen einfachen Erzeugnissen und teuren Kreszenzen aus Barolo und Barbaresco schlossen, verlassen sich letztlich auf die Eiche als Aroma- Liefèranten. Wenn mit zunehmendem Alter das bisschen Frucht verblast, tritt das Holz noch stärker in den Vordergrund. Deshalb haben die meisten Barbera nach spätestens fünf Jahren ihren Höhepunkt erreicht. Es spricht also einiges dafür, sie mit anderen, geschmacksintensiveren und tanninreicheren Rebsorten zu verschneiden. Manche Winzer haben es mit Cabernet Sauvignon probiert - doch die ist viel zu persönlichkeitsstark und taugt daher nicht als zurückhaltende Begleiterin. Mehr Erfolge werden mit der duftigen Freisa als Partnerin vermeldet. Grodss im Kommen sind Cuvées aus Barhera und Nebbiolo - schon lange nutzt man im Piemont Barbera zur Farbverstärkung für Weine, die der Verbraucher fuer reinsortige Nebbiolo hält. Die Zone Monferrato beansprucht für sich, Heimat der Barbera zu sein. Tatsächlich ist der Anbau der Traube dort bereits für das 13. Jahrhundert urkundlich belegt. Doch auch in den Hügeln um Alba und Monforte d'Alba sowie in Teilen der Provinz Asti stellte man unter Beweis, dass man sich auf die Bereitung vorzüglicher Weine aus Barbera versteht. Die Traube gibt sich im Weinberg recht unkompliziert. In Süditalien wird sie wegen ihres hohen Säuregehalts geschätzt. In der Lombardei um Mailand etablierte sie sich sogar als die bei weitem häufigste Rebe, var allem im Oltrepo Pavese, wo sie in allen erdenklichen Schattierungen van Karminrot auftritt - mehr oder weniger stark perlend. Auch in den Colli Piacentini oberhalb van Piacenza in der Emilia Romagna ist sie die Rotweintraube Nummer eins. Hier stellt man ihr gelegentlich die weichere Croatina zur Seite, andernorts auch besser bekannt als Bonarda. Oft entsteht hier aus der Barbera ein schlichter vino da tavola aber im Verein mit der Bonarda liefert die Traube das Rohmaterial für einen der berühmteren Weine der Gegend: den Gutturnio. In Mittelitalien dient die Barbera lediglich dazu, lokale Trauben zu strecken. Und in Sardinien kennt man eine eigene Spielart, die Barbera sarda. Alles in allem aber taucht die Rebsorte ausserhalb des Piemont nur selten auf Etiketten illustrer Tropfen auf, zu Ruhm gelangt ist sie nur in ihrer Heimat. Geht man nach dem Preis, muss sie sogar sehr berühmt sein - zumal, wenn noch Eiche im Spiel ist. Einige Spitzenerzeuger im Piemont, darunter Braida, Chiarlo, Coppo, Prunotto und Vietti, schlossen sich kürzlich zusammen und wollen nun unter Leitung des Önologen und allgegenwärtigen Modernisten Riccardo Cotarella versuchen, eine Art Super-Barbera zu schaffen. Zu dieser ungewöhnlichen Koproduktion steuern die Winzer ihr bestes Barbera-Lesegut bei. Ansonsten beschäftigt man sich in Europa uur in der slowenischen Küstenregion Primorski ernsthaft mit Barbera. Typisch für die dortige Variante ist ein leichtes Perlen. In der Neuen Welt hingegen profitierte die Barbera van der Vorliebe für alles Italienische. So nimmt sie etwa in Kalifornien mittlerweile einen nicht unbeträchtlichen Teil der Rebflächen ein. Ihre Karriere begaan im vergleichsweise heissen Central Valley, wo sie van italienischen Einwanderern angepflanzt wurde. Die Barbera sollte sich als wesentlich besser angepasst erweisen als die - im Zuge der allgemeinen Halo-Manie lange favorisierte Toskanerin Sangiovese. Es gab einige beachtliche Versionen wie etwa von Jim Clendenen (Au bon c1imat) unter dem Label "Il Podere dell'Olivos". In den beiden dominierenden argentinischen Anbaugebieten Mendoza und San Juan am Fusse der Anden bestockten italienische Immigranten sogar eine noch grössere Fläche mit Barbera als ihre kalifornischen Kollegen. Erzeuger wie Norton keltern seit Jahrzehnten reinsortigen argentinischen Barbera. Der Wein bat eine ähnlich hohe Säure wie im Piemont, profitiert aber zusätzlich van der südamerikanischen Sonne, die für reichlich Körper sorgt. Auch in Australien liebäugelt man seit kurzem mit italienischen Rebsorten. In Victoria schufen Gary Crittenden auf der Mornington Peninsula und die Brown Brothers im High Country interessante, stets mit der typischen Säure ausgestattete Barbera-Weine. In Südafrika schliesslich leistet Charles Back in Fairview Pionierdienste für die Barbera. Er schätzt var allem deren Fähigkeit, im warmen Kap-Klima - und sogar in heissesten Jahren - ihre Säure und Frucht zu bewahren. WG 4/03 | |||
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