Liberté, EgàIité, BeaUjolais
Jetzt steht er wieder in den Regalen, der Beaujolais Nouveau. Doch in seiner Heimat gärt und brodelt es weiter
VAN ULRICH SAUTTER weingourmet 4/03
Paul Bocuse wird das Bonmot zugeschrieben, die Stadt Lyon werde van drei Strömen durchquert: Rhótie, Saóne und Beaujolais.
Die Durchflussgeschwindigkeit des Beaujolais indes erlebte schon bessere Zeiten, und das nicht uur in Lyon. Der süffige Alltagsbegeleiter aus dem Hinterland der kulinarischen Metropole mäandert zu immer tieferen Preisen durch Frankreichs Discounter. Und auch im Ausland staluen sich die Bestände, statt abzufliessen. Alleine die Deutschen entnahmen im Jahr 2002 drei Millionen Liter weniger aus der Beaujolais-Pipeline als noch im Jahr 2000.
Diese Krise mag viele Gründe haben: die Rezession in Japan und nachlassendes Interesse am Beaujolais Primeur in Europa. Auch der Stand der französisch-amerikanischen Freundschaft war zuletzt nicht eben ein Garant für reibungslosen Absatz. Doch dass im Herbst 2001 auf etwa jedem zehnten Weinberg die Trauben nicht reif wurden - das geht sicher nicht aufs Konto der Weltpolitik. Die Winzer hatten ihre Reben wie so oft auf hohen Ertrag getrimmt. In diesem Jahr aber spielte die Witterung nicht mit.
Der Beaujolais kann nicht nur ein süffiger Wein sein, er hat auch die Gabe, kühne Ideen hervorzubringen. Unbeirrt nämlich kelterten in jenem Herbst Weingüter und Händler auch das unreife Lesegut: Zehn Millionen Liter Wein, die sich schon bald als kaum verkehrsfähig erwiesen.
Unter grossem Lamento beantragte der Weinbauverband eine Subvention van sieben Millionen Euro beim Agrarministerium - da den Winzern dadurch, dass diese Weine zu Essig oder Industriealkohol verarbeitet werden müssten, erhebliche finanzielle Einbussen entstünden.
An diesem Punkt der Affäre regte sich ausgerechnet vor den eigenen Haus- und Hoftüren
Widerstand: Lyons Stadtmagazin LyonMag druckte im Juli 2002 ein kritisches Interview mit François Mauss. Der Vorsitzende des internationalen Probengremiums "Grand Jury Européen" wusch den Beaujolais- Produzenten den Kopf: Sie hätten van Anbeginn gewusst, dass sie einen "vin de merde", einen Scheisswein, produzierten und verdienten keine Unterstützung.
Überhaupt seien 80 Prozent aller Beaujolais-Weine van mangelhafter Qualität.
Der Beaujolais belässt es in seiner Wirkung oft nicht bei kühnen Ideen, er ist ein Wein, der die Gemüter regelrecht in Hitze versetzen kann. Der Branchenverband - inzwischen beim Ministerium mit seinem Subventionswunsch abgeblitzt - zog wegen des Interviews vor Gericht.
Und erwirkte, dass LyonMag zu 300.000 Euro Schadensersatz verurteilt wurde. Dass das Gericht im Ort Villefranche-sur-Saóne tagte, mitten im Beaujolais, sei nur am Rande erwähnt. Die Berufungsinstanz in Lyon reduzierte die Strafe später auf 90 000 Euro: Offenbar fällt der Kurs mit steigender Entfernung van den überfüllten Kellern.
Jetzt muss das Kassationsgericht in Paris entscheiden, ob LyonMag überhaupt dafür belangt werden kann, das Interview gedruckt zu haben. Die Burleske hat sich zu einem medienpolitischen Thriller ausgewachsen:
Die bisherigen Urteilsbegründungen; Bestand - Restaurant- und Weinführer, aber auch Film- und Kunstkritik gerieten zum Millionenrisiko.
Dem Weinbauverband des Beaujolais jedoch kommt die grosse Aufmerksamkeit in Presse, Funk und Fernsehen inzwischen gar nicht mehr gelegen. Es ist wie mit schlechtem Beaujolais: Erst erhitzen sich die Gemüter, dann kommt der Kater.
Ärgerlich nur, dass seriöse Produzenten van gutem Beaujolais gleich doppelt die Deppen sind: Nicht uur, dass sie sich der Konkurrenz van Kollegen zu erwehren haten, die offenbar wirklich mil allen Wassern gewaschen sind Nein, sie bekommen auch noch vom Markt her tagtäglich das Negativ-Image ihrer Appellation zu spüren, das eben jene Leute zu verantworten haben.
Merde, kann man da nur sagen, merde.
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