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Chàteau Pétrus Proefnotities Christian Moueix Fünfsternehotel Waldhaus Ohlenbach Hardy Rodenstock Hendrik Thoma Inkarnation des Merlot Noblesse Oblige Oliver Stephan Paula Bosch Rheinhotel Schulz in Unkel Wie einen Großbauern, der mit Brokatweste, Silberknöpfen und goldener Taschenuhr auftritt - so sieht A.Winkler den legenderen Pétrus. Sinnlich, vollschlank und sündhaft teuer sind weitere Attribute. Ueber die jahrgänge 1969 bis 1980 konnte sich August F. Winkler anläßlich einer Pétrus-Probe ein Bild machen. Wer beim Wein dem Höheren zuneigt, wird den Schritt über die Schwelle des Chàteau Pétrus als sakralen Akt empfinden. Oder als "sexy". Pétrus ist nun mal einer der sinnlichsten Rotweine überhaupt und zugleich, was seinen Preis betrifft, an Sündigkeit nicht zu überbieten. Wenn Christian Moueix, Miteigner und Leiter des Guts, in grauem Flanell gekleidet mit braunroter Krawatte, blauem Hemd und bordeauxroten Schuhen, die Türe in dieses Heiligtum öffnet, kommt immer wieder ein Gefühl van Erhabenheit auf - selbst van lächerlichen 40 Metern über dem Meeresspiegel wähnt man sich auf einem Gipfel, van dem man auf die Niederungen herabschaut. Du erschauerst angemessen. Immerhin: Pétrus gilt als die Inkarnation des Merlot. Zwar halte ich den Pétrus nicht für einen eleganten Wein. Margaux hat mehr Anmut, Lafite mehr Finesse, Haut-Brion mehr Grazie und Latour ist sowieso einmalig in seiner stringent puristischen Maskulinität. Aber Pétrus ist schon ein besonderer Wein, ein vollschlankes, gewürzig durchwobenes Fruchtbündel, rund und schmelzig, mit enormer Fülle und Länge sowie einer trüffeligen, die Geschmacksnerven einlullenden Warmherzigkeit. Mir kommt Pétrus wie ein Großbauer vor, freilich einer, der mit Brokatweste, schweren Silberknöpfen und goldener Taschenuhr auftritt, als wäre er sein eigener Herrgott. Als Raritätenhändler Oliver Stephan van Noblesse Oblige (www.weinstephan.de) zur "Pétrus-Probe" ins Fünfsternehotel Waldhaus Ohlenbach im sauerländischen Schmallenberg lud, bedurfte es denn auch keiner Bedenkzeit. Zum einen hatte der Weinhändler kurz zuvor im Rheinhotel Schulz in Unkel mit Pretiosen à la 1945, 1947 und 1950 Pétrus begeistert, gefolgt van 1953 Margaux, 1959 Lafite, 1961 Haut-Brion, 1970 Latour, 1982 Mouton und 1982 Cheval Blanc - alle Flaschen authentisch und in bestem Zustand! Zum anderen wird das wunderschön gelegene "Waldhaus" für seine gastronomische Qualität geschätzt. Und schließlich ist Pétrus immer eine Reise wert. Die für die Probe vorgesehenen Jahrgänge van 1969 bis 1980 repräsentieren nicht die glanzvollste Periode in der Geschichte van Pétrus. Im 70er-Dezennium schwächelte das Bordelais insgesamt, herrschte Krisenstimmung, fehlte Geld, wurde bei der Ernte nicht konsequent selektiert, gab es nicht genug neue Fässer, dafür umso mehr Chemie im Weinberg. Doch trotz dies er materiellen Widrigkeiten zeigte Pétrus, wie groß dieser Wein als 1970er und var allem als 1975er ist - und wie gut er selbst in kleinen Jahren sein kann. Insofern war diese Demonstration eines Lebensabschnitts van Pétrus doch eine spannende und genüssliche Erfahrung, wiewohl Preise umn die 300 bis 500 Euro für brüchig gewordene Kreszenzen wie den 1977er, gar 1974er oder 196er eher "theologisch" zu betrachten sind. Barocke Pracht und Rokoko Man nehme den 1969er: granatfarben mit Rubinschimmer, filigrane, ins Ätherische weisende Textur, karamellige Alterssüße, letztlich gezehrt, austrocknend, doch bei aller Morbidezza gefällt der Wein durch einen Hauch van burgundisch zu nennender Sinnlichkeit. Gefahrlos darf der 1970er gelobt werden: ein Kraftlackel, mit dichter Aromatik (rote Früchte, Gewürze, Tabak, schwarze Trüffel). Vor 20 Jahren war der Wein von herrischer Verschlossenheit, heute begeistert er durch barocke Pracht. Hingegen lässt der 1971er in seiner zierlichen Beschwingtheit eher ans Rokoko denken: reife, pflaumig und schokoladig geprägte Noten, portweinartige Fülle, süßlich und ölig im Abgang. Schon welk gibt sich der 1972er. Die Nase nimmt Hagebutte nebst etwas Mokka und Minze wahr, das Waldbodenaroma signalisiert die Überreife, aber bitte: noch immer ein charmanter Lunchwein. Gleiches gilt für den 1977er: leichtgewichtig mit Patina, Nuancen van Leder und Pflaume, doch für das Jahr eine Leistung. Subversiv duftet der 1974er nach feuchtem Herbstlaub, morschem Unterholz; er zerfällt bereits moribund in seine Bestandteile. Der schwächste. Delikat gibt sich der 1973er: glänzendes Rubin, köstlicher Duft nach Weichsel, Kaffee, etwas Trüffel. Hat noch eine feste Struktur, sozusagen ein Pétrus als Miniausgabe. Fraglos der Jahrgangsbeste im Pomerol - und darüber hinaus bemerkenswert, weil es auf dem Gut der letzte Jahrgang ist, bei dem der Wein von den einzelnen Fässern direkt in die Flaschen abgefüllt worden ist (hundertprozentigen Schlossabzug gibt es übrigens erst ab 1967). Ein bisschen affekriert ist der 1976er: Vollreife, von Würze und Süße dominierte Aromen nach Zwetschge, Karamell und Trüffel künden von einem trockenen und sehr heißen Sommer. Schmeckt wie leichter Port. Mittelgewichtig ist der 1978er mit samtiger Textur, diskreten Noten van Mokka, Kräutern und holziger Süße. Hat Liebreiz, ist aber kein Ruhmesblatt für Pétrus. Dagegen erfreut der 1979er rundum durch seine warmherzige, nach Weichsel und Vanille duftende Art. Der Wein war schon früh angenehm trinkbar und gehört neben Lafleur und Margaux zu den besten dieses vordergründigen Jahrgangs. Ein völlig verkannter Jahrgang ist der 1980er: rund, delikat mit Aromen van Dörrobst, Heidelbeeren und Holunder, ein rein polierter Wein, bei dem nur der Preis van rund 500 Euro erschreckt. Schließlich der 1975er: exzellente Farbe, subtil nuancierte Süße, ein reiches Aromenbündel aus Gewürzen, Weichsel, Trüffel und etwas Mokka. Ein suggestiver Wein, fraglos der beste des Jahrgangs und probat gegen jegliche Anfälle van Melancholie. Ein Wein, der das Essen schöner macht und die Tischgespräche geistreicher. Und der zeigt, dass Pétrus ein "spezieller Heiliger" isr. Liste des Genussmordes Ein weiterer Effekt der Probe ist übrigens die Erkenntnis, wie vorsichtig man beim Bewerten und vor allem pauschalen Aburteilen van Weinen generell und solchen aus dem Bordelais im Speziellen sein sollte. Es ist noch nicht lange her, da gab es eine "dunkelrote Liste", mit erhobenem Zeigefinger van Hendrik Thoma (AÜW 6/2003) als "Auswahl schwächerer und teilweise abklingender Weine bekannter Chàteaux aus großen oder zumindest guten Jahren" verfasst. Thoma ist ein netter Sommelier, aber seine Rotliste ist mehr Irritation als Orientierung und erfüllt somit den Tatbestand des Genussmordes. Dass in diesem Traktat auch die Chàteaux Margaux sowie Lafite des Jahrgangs 1975 stehen, ist überflüssig, denn jeder halbwegs gewiefte Weinfreund weiß, dass beide Güter damals erhebliche Schwächephasen durchlebten (Margaux von 1967 bis 1977, Lafite von 1961 - ausgenommen 1962 - bis eben 1975). Völlig unverständlich, ja grotesk, hingegen ist die Verleugnung van Weinen wie beispielsweise 1985 Lynch-Bages, 1970 La Mission-Haut-Brion, 1990 Canon-La-Gaffelière, 1982 Ducru-Beaucaillou, 1990 Gruaud-Larose, selbst 1990 Talbot oder den wahrhaft großen 1982er Cheval Blanc, ein Wein van ungebeugter Klasse. Weiter in der Liste: Der 1982er Palmer ist kein großer Wein, doch genau das, was der Volksmund lecker nennt. Das trifft auch auf 1990 Giscours zu, auf 1989 und 1990 La Conseillante gilt für den 1989er L'Eglise Clinet und 1989 sowie 1990 Vieux Chàteau Certan. "Ausgesprochen gut" findet Hardy Rodenstock, Deutschlands berühmter Weinexperte, den 1970er La Mission- Haut- Brion, und zum 1985er Lynch-Bages sagt er: "Immer noch ein herrlicher Wein, den man auch noch länger liegen lassen kann." Wie wahr. Kopfschüttelnd hat auch Paula Bosch, die wirklich famose Sommeliere im Münchner Tantris, die Liste kommentiert, 1990 Canon-Ia-Gaffelière ebenso als delikates Gewächs eingestuft wie 1982 Ducru-Beaucaillou - beide laut Herrn Thoma schwächelnd. Mein Gott, welche Fehleinschätzung! Naturgemäß entwickelt sich Wein in ieder Flasche anders; ein fehlerhafter Kork oder falsche Lagerung können zum vorzeitigen Kollaps selbst des besten Weins führen. Und es ist kein süßes Geheimnis, dass es vom 1982er Cheval Blanc wie dem 1990er La Gaffelière unterschiedliche Füllungen gibt. Aber eine pauschale Verurteilung zeugt van wenig Einfühlungsvermögen, noch weniger Kenntnis und ist fahrlässig, weil sie jene Weinfreunde, die sich davon beeinflussen lassen, um viel Trinkfreude bringt. | |||
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