De Weinschenker
Ch. la Rieviere

Alte Weine neu verkorkt; Frischekur zwischen Wohl und Wehe;
Verfälschung oder Fälschung?

Mit der konzentrierten Sorgfalt, die Friseurlehrlinge beim übungshalben Rasieren eines Luftballons walten lassen, zog Robert Revelle den altersschwachen, porös gewordenen und bereits zum Zerbröseln neigenden Korken aus der Flasche 1953 Lafite-Rothschild. Dann träufelte er ein bisschen was von diesem wunderbar zarten Wein, dem feinsten des Jahrgangs, in ein Glas, roch daran, nickte befriedigt, goss die Mini-Probe retour, gab ein Tröpfchen schweflige Säure hinzu, füllte den Schwund aus einer anderen, vorsorglich geöffneten 1953er-Bouteille auf und verschloss die Flasche mit einem neuen Korken, auf dem stand: »Rebouchage fait par le Maitre de Chai du Chäteau en 1989.«
Ruckzuck war der Prozess des Neuverkorkens erledigt, so routiniert und zügig, dass der Sauerstoff keine Chance hatte, oxydativ tätig zu werden. Zusätzlich wurde die Verkorkung durch ein kleines Rückenetikett dokumentiert und der gebrechlich gewordene Altkorken in einem Plastiksäckchen am Flaschenhals befestigt. Nach gleichem Prinzip werden hochwertige alte Weine auf den Chäteaux neu verkorkt, wobei man bestrebt ist, den Wein so original wie möglich zu belassen.

Das Neuverkorken von Flaschen, deren Inhalt ins Alter gekommen ist, aber immer noch Genuss verheißt, ist selbstverständliche weinkulturelle Praxis. Sie wird im Bordelais ebenso gepflegt wie im Rheingau, wo beispielsweise im »Staatsweingut« besonders alte und rare Gewächse, von denen nicht mehr genügend vorhanden sind, um eine Flasche fürs Auffüllen der anderen zu opfern, der Schwund durch geschmacksneutrale Glasperlen ausgeglichen wird (eine Perle verdrängt zirka 15 Milliliter Flüssigkeit). - Ungefähr alle 25 bis 30 Jahre, so lautet ein Erfahrungswert, wird neu verkorkt.
Frischekur zwischen Wohl und Wehe  Der Austausch der Stopfen erfüllt einen Doppeleffekt: Zum einen wird die als Folge des unelastischer und somit durchlässiger werdenden Korkens entstandene Luftkammer durch die Zugabe von Wein, der korrekterweise einer derselben Lage und desselben Jahrgangs sein soll, egalisiert. Des weiteren soll der neuwertige Korken den Wein fürs nächste Vierteljahrhundert vor schnöder Verdunstung bewahren, zumindest so gut wie möglich schützen. Bekanntlich ist Sauerstoff ein Erbfeind des Weins, den er, schleichend anfangs, dann forciert, oxydieren lässt. Und oxydierter Wein ist passe, selbst durch die Vermählung mit jüngerem, kraftstrotzendem Wein nicht mehr reparabel.
In der Vergangenheit war das Neuverkorken, englisch »Rekorking« genannt, ein prinzipiell unbeanstandetes, von nicht wenigen Trinkern gar nicht wahrgenommenes Verfahren. Wohl gab und gibt es Kritiker, die sich gegen diese Form der Lebensverlängerung aussprechen. Ihre Ablehnung begründen sie unter anderem damit, dass es sich letztlich um eine künstlich eingeleitete Auffrischung handle, man den Wein jedoch sich selbst, also seinem natürlichen Potenzial überlassen solle. Außerdem eröffne das Neuverkorken auch die Möglichkeit von Manipulationen am Wein bis hin zur Fälschung.
Tatsächlich sind in den letzten fünfzehn Jahren - parallel zu den explosiv gestiegenen Preisen für Raritäten - zunehmend Flaschen mit Ehrfurcht auslösendem Etikett ä la Petrus 1961 oder 1947 Cheval-Blanc, alle Magnum, entdeckt worden, die mehr oder weniger geschickt gefälschten Wein enthielten. Die Bouteillen waren neu verkorkt, aber ohne Hinweis auf den Akt oder gar die Quelle.

Verfälschung oder Fälschung?  In jeder Neuverkorkung steckt naturgemäß ein Schlüssel zur Manipulation, egal, ob man dies am Ende mit »Verbesserung« oder»Verfälschung« bezeichnet, wobei Verfälschung nicht den kriminellen Tatbestand der Fälschung erfüllt.
Wer aus einer Flasche den Stopfen herauszieht und danach einen neuen Korken hineindrückt, hat in der Zwischenzeit jede Möglichkeit, den Wein anzureichern, um es gnädig zu formulieren. Von einem angelsächsischen Handelshaus wird erzählt, es kaufe namhafte Weine mit schlechter Füllhöhe wie Low shoulder und drunter billig auf, fülle kraftvollen Wein junger Provenienz hinzu, möglicherweise auch irgendwelche Aroma-Essenzen, und bringe die Mixturen unter echtem Etikett auf den Markt. Auch Grotesken wie jene sind vorgekommen, dass in einer vom renommierten Pariser Haus Nicolas neuverkorkten Flasche 1945er Gruaud-Larose der Stoppel den Stempel von Talbot aufwies, klar ein Versehen.
Zur weltweit publizierten Affäre geriet das Neuverkorken kürzlich durch einen belgischen Händler, der je 360 Flaschen Chäteau Margaux sowie Lafite-Rothschild des kultigen und entsprechend kostbaren Jahrgangs 1900 zum Verkauf angeboten hatte. Die 1900er beider Güter können noch Genuss vermitteln, allerdings hatte diese spezielle belgische Abfüllung den krassen Nachteil, dass die Flaschen während der Rekonditionierung mit Weinen des Jahrgangs 1995 aufgefüllt worden waren.Überdies wurde bekannt, dass die Flaschen vor der Neuverkorkung erheblichen Schwund aufgewiesen haben - und fraglich ist, ob es sich von Haus aus überhaupt um 1900er Margaux & Lafite handelt.

Zu seiner Rechtfertigung behauptet der Schummler, die »Verjüngung« derartiger Raritäten sei in den Kellern der Chäteaux wie bei Händlern gängige Praxis, auch und gerade im Bordelais. Abgesehen davon, dass es ein Unterschied ist, ob Schwund ausgeglichen oder ein Kultwein massiv bis komplett gefälscht wird, hat die durch KhaledRouabah - so der Name des Händlers - ausgelöste Aufregung die internationale Presse flugs von einem »Skandal« sprechen lassen. Nun, skandalös ist nur die Chuzpe des Händlers. Zwar ist überhaupt nicht auszuschließen, dass ältere Kreszenzen beim Umkorkungsvorgang auch mit jüngerem Wein der gleichen Lage aufgefrischt werden.
Bei sehr alten Methusalems kann mangels Masse gar nicht anders verfahren werden. So ist ein 181ler Lafite aus dem Besitz von Hardy Rodenstock im Juni 1987 von Revelle auf dem Chäteau und erst nach ausdrücklicher Freigabe durch Eric de Rothschild neu verkorkt worden. Zum Auffüllen ist eine kleine Dosis 1896er Lafite verwendet worden. Der Wein in der kuriosen 1,94 Liter fassenden Tappit Hen-Flasche - üblicherweise entsprach dieses altmodische Format dem Inhalt von eineinhalb bis drei Normalflaschen - ist am 30. April 1994 im Hamburger »Le Canard« getrunken worden.

Bei allen Unwägbarkeiten und Risiken gehören würdig gereifte Kreszenzen zum genussvollsten Vergnügen. Sie sind das edelste an Trinkkultur. Nur großen Altweinen ist diese wunderbare Vielschichtigkeit zu eigen, diese mit Worten nicht zu beschreibende ätherische Finesse, dieser erotische Hauch von Süße, den kein junger Wein hat. Voraussetzung für ungetrübten Genuss ist freilich, dass man mehr noch als je zuvor beim Kauf auf die Herkunft achtet - und dies insbesondere, wenn die Flasche nicht mehr originalverkorkt ist, die Kapsel neu wirkt oder andere Indizien an der Echtheit Zweifel wecken. Ob man exklusiv nur originalverkorkte Weine goütiert oder im Neuverkorken eine positive Maßnahme zur Lebensverlängerung eines Weins sieht, das ist und bleibt individuelle Ansichtssache. A.F.W.

Ch. Latour
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